„Man kann nicht in Jesu Namen gegen Flüchtlinge demonstrieren“

Unter dem Namen „Plurability“ startet die Evangelische Landjugend (ELJ) eine neue Aktion gegen Rechtsextremismus. Jugendliche auf dem Land sollen gestärkt werden, Vielfalt vor Ort wahrzunehmen, zu erleben und zu gestalten. Bei der Vorstellung im Evang. Bildungs- und Tagungszentrum betonten zahlreiche Vertreter aus Gesellschaft und Kirche die Bedeutung dieser Arbeit.

„Wenn im 900-Einwohner-Dorf Vorra keine 24 Stunden nach dem schrecklichen Anschlag auf die Flüchtlingsunterkünfte mehr als 600 Leute gegen Rechtsextremismus auf die Straße gehen“ sagte Landjugendpfarrer Gerhard Schleier  „wird deutlich, dass auf dem Land Fremdenfeindlichkeit nicht toleriert wird“. Gleichzeitig zeigten die Ereignisse, wie bedrohlich Rechtsextremismus für unsere Gesellschaft inzwischen geworden ist.

Seit ihrer Gründung steht die ELJ für Toleranz und Demokratie als Ausdruck ihres christlichen Menschenbilds. Mit der Aktion „Plurability – Vielfalt gestalten vor Ort“, die an der ELJ Bezirksstelle im oberfränkischen Bad Alexandersbad angesiedelt ist, verstärkt der Verband sein Engagement gegen Rechtsextremismus mit den Mitteln der Jugendarbeit.  Dafür wurde die Bezirksreferentenstelle von Jürgen Kricke mit einem Dienstauftrag im Umfang einer halben Stelle versehen.  „Plurability“ zielt darauf ab, die Ressourcen der Menschen in den Dörfern für ein offenes und freundliches Miteinander zu nutzen. So verbindet der Titel der Aktion die plurale – also vielfältige – Gesellschaft, in der wir leben mit dem „Capability-Ansatz“ in der sozialen Arbeit, der Menschen befähigt, ihre Lebensverhältnisse selbstbestimmt zu gestalten.

„Wie können wir vor Ort aktiv werden?“ ist die Leitfrage, unter der Jürgen Kricke Landjugendgruppen, Vereine, Kirchengemeinden oder andere Engagierte in nordbayerischen Dörfern beraten will. Und Spaß machen soll die Sache.  „Get-together-Partys“, interkulturelle Treffs, Kampagnen und Aktionen gegen Rechtsextremismus, Beratung für ländliche Vereine zum Schutz vor Unterwanderung – die Liste der Ideen ist lang. Aber auch die Vernetzung mit anderen Aktivitäten im Arbeitsfeld wie etwa den Initiativen gegen Rechts ist Jürgen Kricke wichtig: „Wir freuen uns über Mitgestalter und Mitstreiter aus allen Bereichen – Kirche, Politik, Wirtschaft und allen gesellschaftlichen Gruppen.“

Dass der Einsatz für eine menschenfreundliche und wertschätzende Gesellschaft für die Evangelische Kirche unerlässlich ist, machten Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner und Kirchenrat Reiner Schübel, Referent für Diakonie und gesellschaftsbezogene Dienste der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern deutlich. „Man kann nicht im Namen Jesu Christi gegen Fremde demonstrieren“, erklärte Regionalbischöfin Greiner mit Blick auf die derzeitigen Pegida-Demonstrationen.  „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ – dieses Wort aus den Seligpreisungen Jesu sei Handlungsanweisung und Verheißung zugleich. „Auf Facebook oder am Stammtisch rechtsextremen Parolen zu widersprechen kostet Kraft – aber der christliche Glaube gibt uns diese Kraft“. Dass die finanziellen Mittel, die die evangelische Kirche in diesem Bereich ausgibt, gut angelegtes Geld ist, verdeutlichte Kirchenrat Reiner Schübel. „Wir geben Finanzmittel, weil es uns geistlich wichtig ist.“ Vom Engagement  in vielen Kirchengemeinden bis zum Bayerischen Bündnis für Toleranz, Demokratie und Menschenwürde schützen, dessen Sprecher Landesbischof Bedford-Strohm ist, werde wertvolle Arbeit geleistet: „Was in der Evangelischen Kirche geschieht, ist eine ganze ganze Menge. Das ist ganz großartig.“

Martin Becher, Geschäftsführer des Bayerischen Bündnisses für Toleranz und Menschenwürde schützen unterzog die Zielgruppen des Projekts einer näheren Analyse. „Man muss sich das vorstellen wie einen Eisberg“. Sichtbar – quasi über der Wasserlinie – seien die Rechtsextremen, die bei Aufmärschen öffentlich als Neonazis aufträten. Darunter liege eine Szene, die etwa auf Facebookseiten oder als organisierte Fußballfans menschenverachtendes und antidemokratisches Gedankengut verbreite. 970 Internetseiten mit rechtsextremen Inhalten gebe es derzeit allein in Deutschland. Im Eisbergmodell die Basis bildeten jedoch all die Menschen, die rassistische oder ausländerfeindliche Einstellungen hätten. „Das sind laut Studien bis zu 20 Prozent der Bevölkerung“.

ELJ Landessekretär Manfred Walter, der gemeinsam mit Jürgen Kricke, Martin Becher sowie dem Leiter des Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrums Andreas Beneker, das Konzept für „Plurability – Vielfalt gestalten vor Ort“ entwickelt hatte, dankte allen Beteiligten für die intensive Zusammenarbeit und die große Unterstützung: „Wo Menschen mit  so unterschiedlichen Fähigkeiten eine solche Aktion entwickeln, gewinnt die Vielfalt auch in der ELJ.“

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