Das Ende des Übernachtungsbetriebs in Wiesenbronn bietet neue Chancen für die ELJ

Pappenheim/Wiesenbronn (mw) Häuser sind wichtige Orte der Jugendarbeit. Wenn sich Jugendarbeit verändert, muss auch die Funktion von Häusern hinterfragt werden – so wie im ELJ-Haus Wiesenbronn. Als Jugendübernachtungshaus wird es geschlossen. In den Räumlichkeiten entsteht eine Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Bezirksstelle bleibt vor Ort.

Lange hatte der ELJ Bezirksverband Unterfranken nach einem Haus gesucht, das für 30 Ortsgruppen, drei Kreisverbände, den Bezirksverband und die vier auf Bezirksebene existierenden Arbeitskreise eine Heimat bieten sollte. Verschiedene Objekte wurden besichtigt, in Erwägung gezogen und wieder verworfen. Die Wahl fiel schließlich auf das alte Schulhaus in Wiesenbronn. Landjugendpfarrer Helmut Müller und Kuratoriumsvorsitzender Karl-Peter Ratz konnten 1982 mit der Gemeinde Wiesenbronn schließlich den lang ersehnten Nutzungsvertrag schließen, bevor Anfang der 1990er Jahre das Gebäude schließlich von der ELJ übernommen wurde.

Mehr als 4.000 Arbeitsstunden haben ehrenamtliche Mitarbeiter aus der unterfränkischen ELJ in die Renovierung des Hauses investiert. Von Maurer-, Schreiner-, Posterarbeiten, Fußböden verlegen bis zum Vorhang nähen und Regale bauen wurde alles selbst erledigt. Sogar Freunde und Mitglieder der Katholischen Landjugendbewegung haben mitgeholfen. Offenbar wurde das Haus gut angenommen. Der Bezirksverband sowie die drei unterfränkischen Kreisverbände Hassberge, Kitzingen und Würzburg führten Jugendleiterschulungen und Bildungsseminare über Vollwerternährung, Volkstanz und andere Themen durch. Gruppenwochenenden, Sitzungen und andere Veranstaltungen belebten das Haus. Die unterfränkischen Arbeitskreise „Gentechnik“, „Frauen“, „Grüne Woche“ sowie der agrarsoziale Arbeitskreis fanden am Kirchberg 11 ihre Heimat.

Umweltschutz als ELJ-Markenkern

Ökologie und ländliche Entwicklung waren wichtige Themen im ELJ-Haus. Die Küche war mit Getreidemühle und Gemüseraffel für Vollwerternährung eingerichtet. Der ELJ Widerstand gegen die in Wackersdorf geplante Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstäbe (WAA) hatte in Wiesenbronn ein wichtiges Zentrum. Das Magazin „Stinkschlitz“ des Bezirksverbands berichtet über De-Zentrale Landwirtschaftsfeste, Brotbackaktionen oder Politikplanspiele, veröffentlicht offene Briefe an Boris Becker, schildert die Abenteuer bei KV-Wahlen in Kitzingen, preist die Härte Haßberger Grillmeister bei Landjugendfesten oder beschreibt die ELJ Freizeiten nach Spanien, Ungarn oder Österreich.

„Der gesamte Landjugendbereich macht den weitaus größten Teil der Hausbelegung aus, an den noch freien Terminen nehmen wir jedoch selbstverständlich gerne Gastgruppen auf“, heißt es in der Begründung von Bezirksreferent Günter Becker zum Antrag auf Erwerb, Umbau und Renovierung des Hauses 1988. Das sieht in der Gegenwart ganz anders aus. In der Belegungsstatistik, die ELJ Bezirksreferentin Tanja Rupprecht am 19. Juli 2014 vorlegte, waren unter den rund 170 Beleggruppen der letzten Jahre nur zehn aus der ELJ, davon eine aus Unterfranken, der meisten Beleggruppen waren Schulen, Vereine, Jugendgruppen aus anderen Verbänden, Fortbildungen anderer Träger, Posaunenchöre oder Familien. Die Funktion eines zentralen Übernachtungshauses wird von der Evangelischen Landjugend in Unterfranken offensichtlich nicht mehr benötigt – jedenfalls nicht in dem Umfang, in dem sich der eigenständige Betrieb eines solchen Hauses rechnen würde.

Dass regionale Übernachtungshäuser in der Landjugendarbeit an Bedeutung verlieren, ist nicht auf Wiesenbronn begrenzt.  Vor knapp zehn Jahren schloss und verkaufte die ELJ ihr Jugendübernachtungshaus in Leutershausen. Finanzielle, aber auch inhaltliche Überlegungen hatten zu diesem Beschluss geführt. Es ist auffällig, dass die Schließung von Leutershausen als zentrales Übernachtungshaus für Mittelfranken aus heutiger Sicht nicht zum Schaden für die Arbeit der ELJ war.  Ganz im Gegenteil: Die ELJ Arbeit in Kreisverbänden wie Rothenburg, Uffenheim, Gunzenhausen oder Weißenburg – um nur einige zu nennen – entwickelt sich auch ohne regionales ELJ-Haus prächtig. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass die Bezirksverbände Oberfranken-Oberpfalz und Schwaben seit jeher ohne eigenes Haus auskommen mussten und auskamen.

ELJ – im Dorf aktiv!

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Einer der Wichtigsten dürfte sein, dass die Arbeit in den Dörfern an Wertschätzung und Bedeutung gewonnen hat. In den achtziger Jahren waren es Themen, wie Ökologie oder Frieden, die  die Arbeit der ELJ prägten. Heute steht die Jugendarbeit selbst im Mittelpunkt und die findet ganz überwiegend an der Basis in den Dörfern vor Ort statt. So besteht der Kern der Arbeit der Bezirksreferenten nicht mehr darin, Bildungsveranstaltungen anzubieten, zu denen die Jugendliche kommen, sondern sie in ihrer Selbstorganisation vor Ort im Gruppenraum zu unterstützen. Kreis- und Bezirksverbänden kommt mehr denn je die Aufgabe eines Netzwerk zu, das die Arbeit vor Ort mit Aktionen und Gemeinschaft unterstützt. Aber: flexibel – und nicht zentral.

Für die ELJ Unterfranken bleibt die Hoffnung, dass das Ende des Übernachtungsbetriebs zum Anfang der Netzwerkarbeit in Unterfranken wird. Im kleinsten ELJ-Bezirksverband gibt es nur noch acht Ortsgruppen. Keiner der drei Kreisverbände ist aktiv. Auch dem Bezirksverband würden neue Impulse gut tun. Ob der Einzug junger Menschen mit Fluchthintergrund ins ELJ-Haus dabei positive Kräfte frei setzt, muss abgewartet werden. Er bietet jedoch die Möglichkeit eines neuen Knotens im Netzwerk ELJ in Unterfranken. Dieses gilt es jetzt zu knüpfen.

TEILEN: Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestDigg thisPrint this pageEmail this to someone