Evangelische Landjugend diskutiert gesellschaftliche Herausforderungen

Rund 50 Jugendliche und junge Erwachsene setzten sich an der 108. Landesversammlung der Evangelischen Landjugend (ELJ) mit den Themen Diskriminierung, Flucht und Integration auseinander. Zur Podiumsdiskussion lud der Jugendverband Gäste aus Politik, Kirche und Gesellschaft ein, ehe die Landjugendlichen bei einem Weißwurstfrühstück selbst an Stammtischen diskutierten.

ELJ Bezirksreferent Jürgen Kricke moderierte die Diskussionsrunde: zu Beginn erzählte er aus Alltagsszenen seiner Zugfahrten. In den unterschiedlichsten Situationen erlebe er „den Rassisten in uns“, ganz nach dem gleichnamigen Film des Antirassismus-Trainers Jürgen Schlicher. Die Frage sei, so Kricke, mit welchem Konzept von Integration jeder Einzelne im Kopf arbeitet: „es macht einen Unterschied ob wir abgrenzend denken, uns für ein Nebeneinander von Kulturen einsetzen oder neue Formen aus der kulturellen Vielfalt entwickeln.“

Vielfalt als Chance

Zum Thema Vielfalt meldet sich Anna Heinrich zu Wort. Die stellvertretende Vorsitzende des Landesjugendkonvents der Evangelischen Jugend in Bayern erzählt aus eigener Erfahrung: „Mehr Kulturen bedeutet mehr Vielfalt und das kann nur bereichern.“ Selbst arbeitet sie in einer Dorfkneipe und höre oft „blöde Sätze“. Früher habe sie sich nicht getraut, etwas zu sagen – nun hält sie mit Argumenten dagegen und das mache auch Spaß.

Dass „die Anderen“ lauter sind, bestätigt auch Robert Westphal, stellvertretender Landrat in Weißenburg-Gunzenhausen. Allerdings dürfe man sich dadurch nicht beeindrucken lassen, schließlich beobachte er ein großes Maß an Hilfsbereitschaft. „In jeder Ortschaft, in der wir Flüchtlinge unterbringen, bilden sich Helferkreise, die oft stärker sind als die Anzahl an Menschen, die hier herkommen“, sagte er. Eine Aufgabe des Flächen-Landkreises sei momentan die Aufnahme, Unterbringung und Versorgung der Schutzsuchenden, wobei für ihn die Integration das wichtigste Thema darstelle. In der Kooperation mit lokalen Helferkreisen sieht er einen wichtigen Beitrag gelingender Integration, die „wesentlich schwieriger ist als das schnelle Aufnehmen und Versorgen.“

Vorreiter im Bayerischen Bauernverband

„Ein Anfang ist es, den ersten Schritt zu machen, ein Willkommen vorzuleben und an einer Kirchweih auch mal zum Walzer aufzufordern“, sagte Martin Baumgärtner, Vorsitzender der Bayerischen Jungbauernschaft. Diese vermittelnde Rolle will auch Juliane Neufang, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft der Landjugendverbände, einnehmen: Im Bayerischen Bauernverband (BBV) nimmt sie die Jugend in der Vorreiter-Rolle wahr und empfiehlt interessierten BBV-Mitgliedern sich mit den Landjugendverbänden vor Ort zusammen zu tun.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion tauschten sich die Teilnehmenden im „geschützten“ Raum über ihre persönlichen Erfahrungen mit Geflüchteten, die politische Debatte sowie zu etwaigen Lösungsvorschlägen aus. Anke Zimmermann war es im offenen Meinungsaustausch wichtig, dass Ängste zur Sprache kommen dürfen und Antworten gefunden werden. Die Mitarbeiterin beim „Bayerischen Bündnis für Toleranz, Demokratie und Menschenwürde schützen“ kritisierte die unsachlichen Diskussionen in Politik und Gesellschaft. Nach Zimmermanns Ansicht gehe die Desintegration mehrheitlich von Menschen aus, die selbst nicht integriert sind. „Wenn ich mir meiner eigenen Kultur und in einer Gruppe sicher bin, dann habe ich eine bestimmte Form von Abwehrhaltung gar nicht nötig“, stellte sie fest und appellierte gleichzeitig sich die Worte in den Diskussionen genau zu überlegen. Schließlich könne man bei 1,1 Mio. Menschen, die im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen wären, nicht von einer Überflutung sprechen. Bezeichnungen wie Flüchtlingsströme oder Krisen seien daher irreführend.

Stimme erheben gegen Pegida & co.

Außerdem sei die Gesellschaft heraus gefordert, wenn es darum geht, Pegida und co. deutlich zu widersprechen. Die Anhänger dieser Gruppierungen würden das erste Mal eine Selbstwirksamkeit merken und meinen die Mehrheit abzubilden – „das tun sie nicht“, so Anke Zimmermann. Einen Kampf der Kulturen erkennt sie nicht. Wenn überhaupt müsse sich die Wertegemeinschaft auf Werte verständigen, die alle Menschen aus den unterschiedlichen Kulturen unterzeichnen können. Diesen bevorstehenden Weg in der Gesellschaft nennt sie das „Aushandeln von Möglichkeiten der Vielfalt“. Selbst engagiert sie sich jeden Samstag in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Es gehöre nicht viel dazu: „es geht um Zuhören, wo das aktuelle Problem ist und was ich konkret machen kann.“

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