Die Flüchlingsfrage ist das wahrscheinlich herausforderndste gesellschaftliche und politische Thema des Jahres. Auch im ländlichen Raum lassen sich viele Geflüchtete nieder und treffen auf Rahmenbedingungen, die mit denen der Stadt nicht vergleichbar sind. Im Seminar „Frauen in der Landwirtschaft“ der Evangelischen Landjugend ging der Sozialarbeiter Marc Meyer auf diese Situation ein.
Wie der Referent ausführte, sind 75 % der Geflüchteten unter 30 Jahre alt sowie zum überwiegenden Teil männlich. Die Unterbringung unbegleiteter männlicher Flüchtlinge findet bewusst dezentral statt, eben auch in Dörfern. Denn durch die Bildung kleiner Gruppen soll vermieden werden, dass die Jugendlichen in ihrem neuen Umfeld eine Randgruppe bilden.
Das Leben auf dem Land ist mit Besonderheiten verbunden, die es in der Stadt nicht gibt: Es gibt kaum Bevölkerungsgruppen, die denen der Flüchtlinge kulturell ähnlich sind. Auch Werte, Normen und Traditionen sind anders und werden anders gelebt. Hinzu kommen „soziale Codes“, die schwer fassbar sind. Hierbei handelt es sich um unausgesprochene Regeln und Verhaltensweisen, die den Ortsansässigen bewusst sind, aber die Zuzügler erst kennen lernen müssen.
Meyer, der selbst praktische Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit hat, beschreibt die Jugendlichen als Menschen mit in der Regel gut ausgeprägten handwerklichen und technischen Fähigkeiten. Oft ist die Enttäuschung groß, wenn Migranten feststellen müssen, dass ihre berufliche Qualifikation für den deutschen Arbeitsmarkt nicht ausreicht. Im Bereich der Landwirtschaft sind es mangelnde Sprachkenntnisse und der fehlende Führerschein, die den Weg zum Job verbauen.
An die Politik richete Meyer eine Reihe von Forderungen: So ist es erforderlich, dass eine gleichmäßige Verteilung der Geflüchteten auf alle Bundesländer stattfindet. Sprachliche Unterstützung und Ausbildungsangebote müssen geschaffen werden. Wichtig ist auch, dass familiäre Zusammenhänge berücksichtigt werden und die Jugendlichen mit Familienangehörigen zusammengeführt werden.
In der Diskussion äußerte eine der teilnehmenden Bäuerinnen ihren Pessimismus und bezweifelte, dass ein Interesse der Weltmächte an einer Befriedung der Krisengebiete vorhanden ist. Auch wurden die Industrienationen als Mitverursacher der weltweiten Krisen gesehen, da man lange auf Kosten ärmerer Länder gelebt hat. Von daher ist es nötig, sein eigenes Verhalten zu überdenken – und beispielsweise Lebensmitteln aus fairem Handel zu kaufen. Verständnis wurde geäußert, dass Menschen in Kriegsgebieten die Flucht ergreifen. Gleichzeitig formulierte eine Teilnehmerin, dass sie Angst um den inneren Frieden in Deutschland hat. Marc Meyer appellierte, dass es wichtig ist, bereits im Kleinen das Nötige zu tun. Schließlich hätten in der Vergangenheit viele Umstrukturierungsprozesse von unten angefangen.

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